Die weißen Tauben

 

Brücken bauen – Übergänge schaffen! Ein Projekt zur Integration von Flüchtlingskindern in die Kindertagesstätten

Juli 2015-Juli 2016

Seit Anfang diesen Jahres verzeichnet unsere evangelische Kita in Hamburg Bahrenfeld vermehrt Anmeldungen von Kindern aus Flüchtlingsfamilien aus der Anschlussunterkunft am Holstenkamp, die fußläufig zu unserer Kita  liegt.

Diese Situation stellt Kita-Leiterin  Christine Raabe und ihre Mitarbeitenden vor besondere Herausforderungen: Wie soll man beim aktuellen Betreuungsschlüssel von zwei pädagogischen Fachkräften für 23 Kinder den Kindern gerecht werden? Insbesondere den Kindern und ihren Familienmitgliedern, die durch die Erlebnisse in ihren Heimatländern, der Flucht und der Ankunft in Hamburg in der Regel über einen langen Zeitraum großen körperlichen und psychischen Belastungen ausgesetzt waren – bis hin zu schweren psychischen Verletzungen und Traumata.

Gemeinsam mit dem Team und Mitarbeitern der Gemeinde,  die in der Flüchtlingsarbeit über die Betreuung der Erstaufnahmestelle in der Schnackenburgsallee sowie der Kleiderkammer schon viele Erfahrungen in der Flüchtlingsarbeit sammeln konnten, entwickelten wir das Projekt „Brücken bauen – Übergänge schaffen“, das auf die Bedürfnisse der Kinder aus den Flüchtlingsfamilien eingeht, Integration ermöglicht und die Mitarbeitenden in der Kita nicht zusätzlich belastet.

Die Rahmenbedingungen der Übergangsgruppe „Weiße Tauben“

5-7 Kinder aus Flüchtlingsfamilien werden von  zwei Mitarbeiterinnen und Ehrenamtlichen täglich bis zu fünf Stunden betreut.

Ein Kinderaum der Gemeinde der direkt an die Kita grenzt, ist zunächst Anlaufpunkt für die Kinder und deren Familien. Die Aufnahmegespräche werden von den Mitarbeiterinnen mit den Familien, in Absprache mit der Leitung der Wohnunterkunft, vereinbart und finden auf Wunsch in der Wohnung der Familien satt. Damit können die Kinder den Erstkontakt zu den Mitarbeiterinnen in ihrer gewohnten Umgebung erleben. Die Aufnahmegespräche werden immer von einem Dolmetscher begleitet, die Unterlagen für die Kita sowie der Vertrag sind in verschieden Sprachen übersetzt.

In der ersten Zeit, werden die Kinder von einem Familienmitglied während des Besuches der Kita begleitet. Diese Begleitung findet so lange statt, bis die Kinder problemlos alleine in der Kita bleiben. Je nach Bedarf wird ein Dolmetscher auch für weitere Gespräche hinzugezogen.

 

Die Kinder nehmen täglich an den Aktivitäten der Kita, wie Musik, Yoga, Turnen, Essen und Freispiel auf unserem Außengelände teil und können so Kontakt zu den anderen Kinder langsam aufbauen, wobei sie gleichzeitig  ihre kleine Gruppe und die zusätzlichen Räume als Rückzugsmöglichkeit haben.

Der Übergang zur Kita wird individuell, nach den Bedürfnissen der einzelnen Kinder gestaltet, mit dem Ziel die Kinder in die Regelgruppen zu integrieren. Zusätzlich werden sich  mehrere Ehrenamtliche an dem Projekt beteiligen, indem sie die Kinder oder Familienangehörige begleiten und Angebote in den Bereichen Kunst, Musik und Sprache anbieten.

 

 

Die Kinder und ihre Familien

Die Kinder und deren Familienmitglieder sind durch die Erlebnisse in ihren Heimatländern, der Flucht und der Ankommenssituation, in der Regel über einen langen Zeitraum großen körperlichen und psychischen Belastungen ausgesetzt gewesen. Das Erleben und Miterleben von Gewalt, Trennung, Vergewaltigung und Existenznot hat zur Folge, dass die Familienmitglieder oftmals schwere psychische Verletzungen bis hin zum Traumata erlitten haben. Wie gut die Familien das Ankommen und die Integration bewältigen können hängt dabei von vielfältigen Aspekten ab. Dazu zählen die bisherige Lebensbiographie, Bildungsfaktoren, Sprachkenntnisse, Nationalität,  Religion, Erfahrungen und Erlebnisse vor, während und nach der Flucht, psychische Belastungen sowie die Lebenssituation in Deutschland. Das pädagogische Team kann daher erst im direkten Kontakt mit den einzelnen Familien konkret ausloten, was für eine gelingende Aufnahme und Inklusion der Kinder und ihrer Familien in der Kita nötig ist.

 

 

Die Bedürfnisse der Kinder

Um den Kindern und deren Familien gerecht zu werden, haben wir eine Sozialpädagogin mit erheblichen Erfahrungen in der Migrantenarbeit sowie eine Erzieherin mit einer Zusatzausbildung in Sprachförderung eingestellt.

Beide Kolleginnen haben an einer Fortbildung zur Traumapädagogik teilgenommen.

Ziel der Traumapädagogik ist die emotionale und soziale Stabilisierung der Kinder. Grundlage hierfür ist die Schaffung eines sicheren Ortes mit verlässlichen und vertrauensvollen Beziehungen. Dabei spielen der Aufbau von Vertrauen und die Unterstützung bei der Bewältigung von traumatischen Ereignissen eine wichtige Rolle.

Uli Kruse, Psychotherapeut und seit Jahrzehnten mit dem Thema befasst, geht davon aus, dass mindestens 40 % der Kinder traumatisiert sind. Aber auch die anderen Flüchtlingskinder sind durch die neue Lebenssituation und die Verunsicherung der Eltern darauf angewiesen, dass sie in besonderem Maße Stabilität  und Sicherheit  erfahren.

 

Daher gilt es beim Kind das Vertrauen in eine grundsätzliche innere und äußere Sicherheit sowie die Bedeutsamkeit, Gestaltbarkeit und Verstehbarkeit des eigenen Lebens wieder herzustellen.

Dies geschieht in der Praxis indem wir in besonderer Weise auf die folgenden Kriterien achten, die uns aus der pädagogischen Arbeit in der Kita hinlänglich bekannt sind.

 

  • Verlässliche Bezugspersonen

  • Behutsame individuelle Eingewöhnung

  • Feste Strukturen

  • Erfolgserlebnisse, Zutrauen in die eigenen Stärken

  • Musik, Bewegungs- und Kunstangebote

  • Offene Elternarbeit

  • Angebote zur Unterstützung und Integration für die Familien

  • Räume die Rückzugsmöglichkeiten bieten

  • Beteiligung an der Raumgestaltung

  • Fortbildung und Supervision für die Kolleginnen

  • Vernetzung mit anderen Institutionen ( z.B. Wohnunterkunft, Elternkaffee, Kleiderkammer, Traumatherapeuten,Ärzte, Dolmetscher, Beratungsstellen)

 

 

 

Erste Erfahrungen

Gestartet sind wir mit drei Kindern aus zwei syrischen Familien. Die Kinder wurden täglich von Familienangehörigen begleitet. Am Anfang stand ein Besuch beim Kinderarzt mit den Kindern, Begleitpersonen und Kolleginnen um das vorgeschriebene Attest für die Kinder zu besorgen.

Mit Händen und Füßen, aber auch mit unser arabisch sprechenden FSJ`lerin wurde sich verständigt. Von Beginn an fand Kontakt zu den anderen Kitakindern in Form von gegenseitigen Besuchen und gemeinsamem Spiel auf dem Außengelände statt.

Das Verhalten der Kinder war zum Teil geprägt von einem großen Fremdheitsgefühl, Aggression gegenüber der anderen Kinder und der Mitarbeiter ohne einen für uns nachvollziehbaren Anlass, Phasen der inneren Abwesenheit sowie Fluchtreaktionen. In diesen Situationen war es notwendig, dass sich eine Kollegin mit dem betreffenden Kind zurückzog, während die andere die anderen Kinder im Blick behielt. Hilfreich waren in diesen Situation auch die Begleitpersonen der Kinder um beruhigend einzugreifen.

Erstaunlich für uns war, dass alle Kinder jeden Tag wieder bei uns angekommen sind. Nach drei Wochen sind sie alleine in der Kita geblieben. Die Familien haben sich mit dem Bringen und Abholen der Kinder abgewechselt, dadurch ist auch der Kontakt zwischen den Familien entstanden. Durch den Besuch des Familienzentrums unserer Gemeinde sind darüber hinaus Kontakte zu anderen Eltern und für die Geschwister zu anderen Jugendlichen entstanden. Inzwischen besuchen sowohl die Eltern, als auch die Geschwister eigenständig die Angebote unseres Familienzentrums im Luthercampus.

Insgesamt war die erste Zeit geprägt durch das Erlernen von Strukturen und Tagesabläufen, die Gewöhnung an einen Morgenkreis, das Anziehen von Hausschuhen, das gemeinsame Essen und  vor allem das gegenseitige Kennenlernen zum Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung.

Nach drei Wochen haben wir ein weiteres Kind aufgenommen. Inzwischen ist es den Kolleginnen gelungen eine vertrauensvolle Beziehung zu allen Kindern aufzubauen.  Es ist  ein Gruppengefühl entstanden, sodass die Kinder durch die sicheren Beziehungen zu den anderen Kindern und den Mitarbeitern, gut Kontakt zu den Kindern aus der Kita aufnehmen können.

Im September planen wir das erste Kind schrittweise in eine Elementargruppe  zu integrieren.

Während der Schließungszeit der Kita haben die Kinder und die Kolleginnen an dem Angebot des Familienzentrums „Ferien ohne Koffer“ teilgenommen. Bei diesem Projekt des Familienzentrums werden täglich Ferienangebote für die Kinder, die in Hamburg bleiben angeboten. Auch hier erwies sich, dass die Kinder so viel Sicherheit gefunden haben, um Neues zuzulassen.

 

Die Kollegin Karolin Neubert, Sozialpädagogin,  berichtet dazu:“ Das Projekt „ Ferien ohne Koffer“ hat sich als großer Gewinn für unsere Gruppe erwiesen. Hier können die Kinder frei wählen, was sie spielen möchten oder ob sie ein Kreativ -Angebot mitmachen. Sie können mit Fahrzeugen umherfahren oder einfach anderen zusehen. Die Freiheit, die sie dort erfahren und der gleichzeitige geschützte Rahmen des großen eingezäunten Geländes mit den vielen Mitarbeitern, die für sie da sind, hat die Kinder richtig aufleben lassen. Sie genießen das unbeschwerte Zusammensein in der großen Gemeinschaft und entspannen sich zusehends. Es ist für sie eine wichtige Erfahrung, dass sie einfach in Frieden, ohne jegliche Ängste, spielen können. Nach den vielfältigen Fluchterfahrungen, die die Kinder mitbringen, ist es ein hohes Gut, sich in Sicherheit im Spiel verlieren zu dürfen. Nur so können sie sich im nötigen Vertrauen auf ein sicheres und berechenbares Umfeld öffnen für das Miteinander mit den anderen Kindern. Die ersten Erfolge sind gemacht: Immer öfter finden die Kinder durch das gemeinsame Spiel den Kontakt zu Kindern aus unserer Einrichtung.

Die Kinder sind in diesen ersten Schritten der Kontaktaufnahme sehr unterschiedlich. Ein Kind ist nach den ersten zwei Monaten von seiner Offenheit und seinem Regelverständnis bereits so weit, dass wir im September eine schrittweise Eingliederung in eine der Elementargruppen planen.“

 

Vernetzungen

Umso besser die Kinder, als auch die anderen Familienmitglieder uns verstehen und vertrauen umso deutlicher wird auch, dass vielfältige Unterstützung der einzelnen Familienmitglieder notwendig sind. Wir haben daher inzwischen Kontakte zu der Flüchtlingsambulanz im UKE sowie zwei Traumatherapeuten im Stadtteil, einer Mädchenberatungsstelle und Kinderärzten im Stadtteil aufgenommen.

Ab September wird das Projekt von einer Forschungsgruppe Studenten der evangelischen Fachhochschule für Sozialpädagogik des Rauhen Hauses, die zu dem Thema „Was Flüchtlingskinder brauchen“ forschen, begleitet.

 

Fazit

Die Kinder und ihre Familien fühlen sich sehr wohl bei uns und konnten untereinander sowie zu anderen Familien aus dem Stadtteil Kontakte knüpfen. Sie bringen uns sehr viel Dankbarkeit entgegen und empfehlen uns wärmstens an neu ankommende Familien weiter.

Der Umgang mit den Menschen aus den fremden Kulturkreisen bereichert uns,  verändert Strukturen,  Abläufe und Haltung.  Zum Beispiel kann die  große Familien-zusammengehörigkeit mit dem gegenseitigen Füreinander, durchaus etwas sein, wovon wir hier lernen können. 

Wir sind von dem Erfolg des Projektes selber etwas überrascht. Wir hatten es uns schwieriger und langwieriger vorgestellt die Beziehungen zu den Kindern und deren Familien aufzubauen. Eine besondere Erfahrung ist, dass die Sprachprobleme im Umgang mit den Kindern zweitrangig sind und es vielmehr darauf ankommt Zeit in die Beziehungen zu investieren. Daher ist ein erhöhter Personalschlüssel für diese Arbeit dringend notwendig.

Da der Personalschlüssel der Stadt Hamburg dies bisher nicht berücksichtigt, sind wir für  die Bezahlung des zusätzlichen Personals auf Spenden angewiesen. Wir hoffen aber,  dass es ähnlich wie für die Willkommensklassen in Berliner Schulen, demnächst zusätzliche Mittel vom Bund oder Stadt geben wird, damit die Integration der Kinder in die Regelkitas ohne zusätzliche  Belastungen für die Kinder und die Kolleginnen  gelingen kann.