Wittenbergen 2017

Bericht über den 14. Erholungsaufenthalt der Tschernobyl-Kinder

vom 23. Juli - 20. August 2017

 

"Mutig, mutig" lautet der Titel einer bezaubernden Geschichte, in der es um die Frage geht, was Mut für den Einzelnen bedeutet. Wir hatten sie in unserem Abschiedsbrief an die Kinder für die lange Rückreise von Hamburg nach Belarus nacherzählt, weil uns gerade in diesem Sommer immer wieder bewusst wurde, wie mutig unsere kleinen Gäste aus Weißrussland doch sind.....

Für dreiundzwanzig der dreißig Kinder war es die erste Reise nach Hamburg und wir staunten, wie klein viele doch noch waren. Veronika und Stanislau wurden in Hamburg sogar erst acht Jahre alt. In den ersten Tagen, als alles noch so fremd war, mussten viele Tränen getrocknet werden und das Einschlafen ohne einen Kuss von Mama oder Papa fiel besonders den Kleinen schwer.

Aus gutem Grund finden gleich zu Beginn des Erholungsaufenthaltes die Zahnarztbesuche statt. Auch in diesem Jahr wurden die Kinder in den Praxen von Dr. Bruder, Dr. Hagelstein, Dr. Lippmann, Dr. Pielke, Dr. Schlemmer und Dr. Twesten kostenlos untersucht und gegebenenfalls auch behandelt. Viele Kinder hüpften fröhlich, weil ohne Befund, aus dem Behandlungszimmer, aber für zehn Kinder wurden weitere Behandlungstermine angesetzt. Wir waren sehr erschrocken, dass bei einem Jungen wegen des schlechten Zustandes der Zähne, zur Vermeidung weiterer Schäden, dringend zwölf (!!!) Zähne gezogen werden sollten. Acht davon Milchzähne und vier bleibende. Schmerzen und ein ausgeprägter Entzündungsvorgang beeinträchtigten ihn so sehr, dass er an manchen Aktionen nicht teilnehmen konnte. Die erste Maßnahme war eine antibiotische Behandlung. Nach vielen Diskussionen und weiteren absichernden Untersuchungen, die alle zum selben Ergebnis führten, wurden nach Rücksprache mit der Mutter des Kindes die zerstörten Zähne entfernt. Tapfer ließ er die unangenehme Prozedur über sich ergehen. Deutlich sichtbar blühte der kleine Bursche dann im weiteren Verlauf der Ferien auf und konnte endlich wieder unbeschwert toben.

                                                                                                                                                                       

 

 

Auch in diesem Jahr erfreute das Team von Arbor Artist (ein Unternehmen für Baumpflegearbeiten) die Kinder mit aufregenden Aktionen in den Kronen der alten Bäume. Hoch oben im Geäst einer riesigen Buche wurde eine Strickleiter befestigt, die leicht zu erklimmen schien. Doch die Tücke der frei hängenden Leiter zeigte sich schnell. Sie schwang unter dem Eigengewicht der mutigen Kletterer hin und her, bis sich endlich jemand an die unteren Sprossen hängte und für Stabilität sorgte. Eine tolle Seilbahn wurde zwischen den alten Bäumen installiert und mit "Juhuu!" sausten Groß und Klein sorgfältig gesichert durch die Luft.

 

 

 

 

 

 

 

 

Am nächsten Tag hatte Mc.Donald's die Kinder zum Essen eingeladen. Das fanden die Kinder toll, denn für die meisten war es der erste Besuch im Restaurant ihrer Träume. Am Nachmittag wurde die Gruppe von treuen Freunden im Schwimmbad des VAF erwartet. Herr Zimmermann und seine Kollegen von der Tauchsportgruppe der Lufthansa hatten zwei Stunden Toben und Tauchen, Schwimmen und Springen ermöglicht und sogar einen russisch sprechenden Kollegen für die bessere Verständigung mitgebracht. Gar nicht so einfach, mit Sauerstoffflaschen, Taucherbrille und dem komischen Mundstück umzugehen und sich die Zeichensprache für die Verständigung unter Wasser zu merken. Doch nur geübte Schwimmer waren in der Lage, bis auf den Grund des

                                                                                    

Beckens zu tauchen, und das waren in diesem Jahr nicht so viele. Bei den abschließenden Mutproben vom Einer oder sogar Dreier spritzte das Wasser meterhoch, denn hier ging es weniger um technisch einwandfreie Sprünge als um möglichst spektakuläres Eintauchen. Für Mikita ging es um viel mehr. Zu gern wäre er wenigstens mal vom Einmeterbrett gesprungen, stand auch schon ganz vorn. Dass selbst ein Meter so tief war.... Trotz aufmunternder und neckender Rufe hörte Mikita auf dieses komische Gefühl im Bauch und sprang nicht. "Mutig, mutig" auch diese Entscheidung. Mit Kaffee, Saft und Keksen klang dieser Nachmittag für große und kleine Taucher aus.

In den folgenden ruhigen Tagen wurden die letzten geheimen Verstecke des herrlichen Außengeländes erkundet und das Schullandheim allmählich zu einem Zuhause. Von Frau Luers und ihren Mitarbeitern wurden die Kinder im Rahmen des zur Verfügung stehenden Verpflegungs-budgets wieder gut versorgt. Etliche Kilo gespendeter Schinken, Saft und Joghurt ergänzten das Angebot und regelmäßig wurden große Mengen frisches Obst gespendet, das blitzschnell in den kleinen Mündern verschwand.

Bei idealem Wetter fuhren wir mit dem Bus in den Heidepark Soltau. Wir bildeten kleine Gruppen, die mit ihren erwachsenen Betreuern und Rucksackwächtern bald Teil des allgemeinen Gewimmels wurden. Es war sehr voll und so übten wir uns vor allem in Geduld. Bis zu 90 Minuten Wartezeit bei besonders gefragten Attraktionen ließen für die älteren Kinder gerade mal fünf Fahrten zu. Die Jüngeren hatten solche Probleme nicht, denn für die gemächliche Floßfahrt und die Bimmelbahn musste keiner lange anstehen. Aber lohnt sich das, fragten wir uns, als wir auf der Rückfahrt auch noch in einen kilometerlangen Stau vor dem Elbtunnel gerieten.

Zur Entlastung der russischen Betreuerinnen fanden sich Mitglieder der Tschernobylgruppe am 5. August im Schullandheim ein, um die Kinder zu beaufsichtigen und mit ihnen zu spielen, zu malen und zu basteln. Zahllose Freundschaftsbänder wurden geknüpft und verschenkt, Schlüsselanhänger in Serie hergestellt für Mama, Papa, Geschwister und die Freunde zu Hause, und mutig und

                                                                                                                                                           

ausdauernd stellten sich einige Kinder der Aufgabe, riesige weiße Tücher für das Bühnenbild im Steenkampgottes-dienst zu bemalen. Herr Matutat, Gründer der Internationalen Paketaktion Ost e.V. aus Neugraben, hatte sich für diesen Tag zum Grillen angekündigt. Er versorgte alle mit leckerem Fleisch und Würstchen und zauberte aus seinem Wagen viele Geschenke für die Kinder hervor. Zum größten Vergnügen der Kinder stellte er kistenweise Brause und Cola bereit, die mit meterlangen Strohhalmen getrunken werden durften.

 

 

 

Wohlklingend flossen russisch und deutsch im gut besuchten Gottesdienst in der Lutherkirche, am 6. August, ineinander. Die Kinder stellten die Geschichte von David und Goliath dar, sangen ein Lied und Galina Sharanda sprach über die Situation in Belarus. Anschließend fanden sich im Luthergarten viele Menschen ein, um sich bei Grillwurst, Salat und Kuchen mit unseren russischen Gästen zu unterhalten. Für die Kinder endete der Tag mit fröhlichem Badespaß im kleinen Becken der Freiluftschule Wittenbergen.

 

 

Und dann endlich ging es auf den DOM. In der Bauernschänke gab es für alle einen leckeren Berliner und eine Brause. Anschließend führte Holger Sodemann, als Vertreter des Schaustellerverbandes, die aufgeregte Gruppe bei schönstem Wetter über den Sommerdom. Rasend schnelle Karussellfahrten, Spiegelkabinett, Riesenrutsche, gruselige Geister, luftiges Ketten-karussell, erfrischende Wasserbahn und Zusammenstöße im Autoscooter waren für alle ein herrliches Vergnügen. Milde lächelten die Größeren über die strahlenden Augen der ganz Kleinen bei der Fahrt im klassischen Kinderkarussell und muteten ihrem soeben verspeisten Berliner sogar eine Fahrt im "Sky Fall" zu. Die vielen Loopings in der riesigen Achterbahn waren aber selbst für die Helden in der Gruppe eine echte Herausforderung. Und während die Erwachsenen vom Zusehen schon fix und fertig waren und allmählich das Ende des Vergnügens anstrebten, konnten die Kinder nicht genug kriegen, wohl aber der eine Berliner, dem es bei der letzten Karussellfahrt dann doch zu viel wurde und deshalb den Weg ans Tageslicht suchte.

                                                      

                                                      

Zum Abschluss dieses tollen Domvergnügens bewirtete Herr Fabricius in seiner Bauernschänke die Gruppe noch mit Grillwurst, Pommes und einem Getränk, und allmählich breitete sich zufriedene Müdigkeit aus. Wir waren froh, dass nach den Turbulenzen dieses Nachmittags alle Kinder noch im Besitz der HVV-Fahrkarten waren, die auch in diesem Jahr freundlicherweise von der S-Bahn Hamburg für den gesamten Erholungsaufenthalt zur Verfügung gestellt wurden und die aus Sicherheitsgründen zusammen mit wichtigen Kontaktdaten von den Kindern stets mitgeführt wurden.

"Leicht wie die Vögel und schön wie die Lilien" flatterten die Kinder im Rahmen ihrer Vorführung beim Gottesdienst in der Steenkampsiedlung durch den Saal. Svetlana, die Schulleiterin aus Bragin, sprach über die schwierigen Lebensumstände in den ländlichen, besonders belasteten Gebieten. In ihrer Schule wird das von den Kindern gemalte, von allen so bewunderte Bühnenbild künftig als Zeichen der Verbundenheit mit den Hamburger Freunden hängen.

                                                            

Mitreißende Gospels sangen die Steenkamp-Singers und trugen damit sowohl im Gottesdienst wie auch beim anschließenden reichhaltigen Buffet unter freiem Himmel zur heiteren Stimmung bei. Und dann gab es noch eine große Überraschung: Airbrush-Tattoos für die Kinder, geduldig aufgetragen von Vera Neuß. Einfach toll! Doch leider nicht von Dauer, weshalb tagelang vorsichtige Kurven mit dem Waschlappen um die Kunstwerke gemacht wurden.

                                        

So allmählich füllten sich in diesen Tagen auch die Bananenkartons, von denen jedes Kind zwei mit nach Hause nehmen konnte, prall gefüllt mit gut erhaltenen Pullovern, T-Shirts, Jacken, Kleidern und Jeans aus der hervorragend sortierten Kleiderkammer der Lutherkirche. Neue Unterwäsche und Strümpfe hatten wir gekauft sowie für jeden ein Paar Schuhe. Gespendete Hygieneartikel, Süßigkeiten, Kuscheltiere, Spielzeug, Kaffee und Nutella wurden immer wieder umgeschichtet, bis dann nur noch das kleine Fotoalbum hineingepresst werden konnte, das jedes Kind zur Erinnerung an diese schöne Zeit erhielt.

Im Indoorspielplatz "rabatzz!", wo ein Schlechtwetternachmittag verspielt wurde, stellten die Kinder erstaunt fest, dass sogar eine steile Rutsche zur Mutprobe werden kann. Dagegen war das Bullenreiten glatt ein Kinderspiel.

Wunderbare Spiele bauten an zwei sonnigen Nachmittagen auch die Mitarbeiter der Organisation "SpielTiger" auf dem Außengelände in Wittenbergen auf. Aus der Luthergemeinde kamen an einem dieser Tage die Kinder von "Ferien ohne Koffer" mit ihren Betreuern zu Besuch, und alle zusammen hatten mit Balancierparcours, Jongliermaterial, Geschicklichkeitsspielen und einem gigantischen, dem Tischkicker nachempfundenen Fußballspiel richtig viel Spaß.

                                      

 

Bei einer Fahrt von Teufelsbrück zu den Landungsbrücken bekamen die Kinder einen Eindruck vom Treiben im Hafen, bestaunten riesige Schiffe und wunderten sich über die vielen Touristen auf der HADAG-Fähre. Auf viele Touristen trafen die Kinder, allerdings nur die älteren, auch in Planten un Blomen bei den Wasserlichtspielen. Sie waren tief beeindruckt von den bunten Kaskaden zu klassischer Musik. Und wir waren auch sehr beeindruckt, als nämlich die Eisverkäuferin meinte: "Ich erinnere mich an sie und die Tschernobylkinder" und uns das Eis, wie schon zwei Jahre zuvor, zu einem Sonderpreis verkaufte.

 

Und dann war auch schon Abschiedsfest. Viele Gäste waren erschienen und erfreuten sich an dem bunten Programm, das die Kinder zum Dank für die schöne Zeit in Hamburg vorbereitet hatten. Noch einmal gab es Gelegenheit zum Gespräch, letzte Geschenke wurden zugesteckt und viele Abschiedsworte gesprochen.

Nach einem letzten Zahnarztbesuch am Freitag saß ich mit einigen Kindern zusammen und fragte sie unter anderem, ob sie denn gar keine Angst vor dieser weiten Reise gehabt hätten. "Naja", sie schauten sich an, zuckten etwas ratlos mit den Schultern und meinten vorsichtig: "vielleicht ein kleines bisschen".

Mutig waren sie, diese Kinder, ihre Eltern, die weißrussischen Betreuerinnen und nicht zuletzt auch wir als ehrenamtliche Organisatoren von der Tschernobylgruppe.

 

"Mut", so steht es im Abschiedsbrief an die Kinder, "Mut braucht einen Partner und der heißt Vertrauen.

Vertrauen darauf, dass zum Beispiel eine Mutprobe gut bewältigt werden kann, dass andere Menschen es gut mit einem meinen, dass traurige Zeiten vorüber gehen und glückliche folgen werden, dass es immer irgendwie weitergeht, Vertrauen auf Gottes schützende Hand und das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, sein Leben mutig zu gestalten. Dieses Vertrauen wünschen wir euch."

Mut und Vertrauen wurden belohnt. Nach vier erlebnisreichen Wochen sind die Kinder mit einem Schatz an schönen Erinnerungen, gut erholt und mit einem für viele Monate gestärkten Immunsystem glücklich zu ihren Familien zurückgekehrt.

 

Wir bedanken uns sehr herzlich bei allen Freunden der Kinder und den Förderern unseres Tschernobyl-Projektes, für das uns entgegengebrachte Vertrauen, für vielfältige Sachspenden, für kleine und große finanzielle Zuwendungen, für freundliche Einladungen und Besuche, für das Interesse an dieser Arbeit und für tatkräftige Hilfe.

 

Jutta Röhrs

Arbeitskreis "Für die Kinder von Tschernobyl"

Lutherkirche Bahrenfeld